Der Hamburger Jugendserver

Was ist das Wesentliche?

Über das Fasten anlässlich des islamischen Fastenmonats Ramadan


Seit mehr als einem Jahr verlangt uns die Corona-Pandemie eine ganze Menge ab. Wir müssen verzichten und uns einschränken. Weniger auf Nahrung, aber auf etwas anderes, was für uns Menschen grundlegend ist: auf Kontakte.

Wer und/oder was fehlt dir am meisten? Und wie gehst du damit um? Aber stellst du auch fest, dass es Dinge gibt, auf die zu verzichten dir gar nichts ausmacht? Empfindest du mehr Wertschätzung für Dinge, die du vorher als selbstverständlich angesehen hast? Kannst du zum Beispiel dem Umstand, dass du nun nicht von einem Event zum nächsten hechtest, vielleicht auch etwas Positives abgewinnen?
 



HALT! STOPP!
Zu viele Fragen.
Zu viele Gedanken.
Zu viel Text.
Zu viele Eindrücke.

Einmal inne halten.

 

 

Ok, es kann weitergehen.
 


Eine Variante des Verzichts ist das FASTEN. Dabei verzichtet man in der Regel freiwillig auf verschiedenste Dinge und Handlungen: auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, auf lieb gewonnene aber schlechte Gewohnheiten, auf Intimität, auf Ablenkung, auf negative Gedanken und Streit ... Zu fasten kann rein gesundheitliche, aber auch spirituelle Gründe haben.

 


In vielen Religionen sind Fastenzeiten fest verankert, so auch in den fünf Weltreligionen. So unterschliedlich die Weise und die Zeiträume des Fastens je nach Glaubensrichtung sein mögen, in Bezug auf den Sinn des Fastens gibt es viele Übereinstimmungen: Reduzierung auf das Wesentliche, innere Einkehr, seelische "Reinigung", sich bewusst Zeit für die Beziehung zum jeweiligen Gott nehmen, über das eigene Verhalten nachdenken, Aussöhnung mit anderen Menschen, mit dem eigenen Glauben und letztlich mit sich selbst.

Beim Fasten geht es auch darum, sich zu fragen, was wichtig ist im Leben, was man wirklich braucht und was nicht. Dankbar zu sein für das, was man hat, was einem gegeben ist und wird. Und all dies bewusster wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Das Fasten an sich ist zunächst ein individueller Akt. Hunger und Durst, zum Beispiel, kann man ja nur alleine verspüren. Aber als gemeinschaftlich-spirituelles Ereignis bekommt es einen zeremoniellen Charakter, es wird zu etwas Bedeutsamen. Die Fastenenden unterstützen sich dabei, durchzuhalten und die Fastenzeit zu etwas Besonderem zu machen.
 




Im Christentum sind traditionell die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern dem Fasten gewidmet. Früher waren unter anderem Fleisch, Milchprodukte und Alkohol Tabu. Heute nutzen manche Menschen in Deutschland, unabhängig davon, ob sie Christen sind oder nicht, diese Zeit, um auf bestimmte Dinge (wie Alkohol, Schokolade oder Fast Food) zu verzichten.

Im Judentum sind einige Feiertage mit Fastenregeln verknüpft, ganz besonders aber an dem wichtigsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungstag. 25 Stunden verzichten Juden dann auf Essen und Trinken, Genussmittel wie Zigaretten, Arbeiten und viele andere Aktivitäten.

Der Hinduismus und Buddhismus stellt keine allgemeingültigen Fastenregeln auf. Dafür genießt Askese (also eine sehr enthaltsame Lebensweise) in diesen Religionen generell einen besonderen Stellenwert. Oft werden vor großen Festen Fastentage eingelegt, an denen die Gläubigen zu Mäßigung beim Essen, Verzicht auf Fleisch, Alkohol und Sex angehalten werden. Das wird aber regional sehr unterschiedlich gehalten.

Am ausgeprägtesten wird das Fasten im Islam zelebriert. Einmal im Jahr begehen Musliminnen und Muslime auf der ganzen Welt den Fastenmonat Ramadan.

Mehr dazu:
www.br.de > Fasten in den Religionen: Konzentration auf das Wesentliche
www.dw.com > Fasten: im Verzicht zu Gott finden
www.planet-wissen.de > religiöses Fasten

 


Ramadan dauert 29 oder 30 Tage. In dieser Zeit sind die Gläubigen dazu aufgerufen, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts zu essen und zu trinken, nicht zu rauchen, keinen Sex zu haben, schlechte Gedanken und Streit zu vermeiden und bedürftige Menschen zu unterstützen. Nach Sonnenuntergang wird das Fasten gebrochen, das heißt es wird gegessen, idealerweise in Gemeinschaft, mit der Familie oder an einem öffentlichen Ort mit vielen Menschen an einer langen Tafel. Gebrochen wird das Fasten typischerweise mit einer Dattel und einem Glas Wasser, bevor das reichhaltigere Mahl verzehrt wird.
Ramadan endet mit dem großen Fest des Fastenbrechens, in der Türkei auch Zuckerfest genannt.

Auf der Website des Zentralrats der Muslime in Deutschland werden viele Fragen dazu beantwortet: www.islam.de > 25 Fragen zu Ramadan
 


Ramadan richtet sich nach dem Mondkalender und verschiebt es sich von Jahr zu Jahr. In diesem Jahr beginnt Ramadan am 13. April (bzw. mit dem Gebet am Vorabend), was wir als Anlass für einen kleinen Exkurs zum religiösen Fasten nehmen, mit besonderem Augenmerk auf das Fasten im Islam. 


 


Diese streng anmutende Art des Fastens mag für Nicht-Muslime befremdlich, vielleicht sogar unverständlich erscheinen. Warum tun Menschen sich das an, kann man sich da fragen, vor allem wenn die Tage wie hier in Deutschland so lang hell sind? Ich habe mich unter Musliminnen und Muslimen hier in Hamburg umgehört, was Ramadan für sie persönlich bedeutet.

Einige sagten, für sie habe Ramadan keine Bedeutung, weil sie zwar als Muslime geboren, aber nicht gläubig seien. Andere äußerten, dass sie fasten, weil es Tradition und ein Gebot ihres Glaubens sei. Manche der Befragten bezeichneten sich als nicht gläubig, würden im Ramadan aber durchaus fasten (die ganze Zeit oder nur tageweise). Sie würden die Zeit der inneren Einkehr und der Konzentration auf das Wesentliche wertschätzen. "Und kein Schluck Wasser schmeckt so gut wie der am Abend nach einem langen Tag des Fastens", formulierte jemand.

Die meisten der von mir Befragten freuen sich auf die spirituelle Zeit des Ramadan. Für sie bedeute es, aus der Alltagsroutine herauszutreten und sich bewusst ihrer Beziehung zu Gott zu widmen. Sich den Herausforderungen des Fastens zu stellen, würde sie bescheidener, demütiger und somit zu besseren Menschen machen. Sie genössen die gemeinschaftliche Verbundenheit beim Fastenbrechen und bei den Gebeten. Ein Mann bemerkte, dass sich für ihn Ungleichheiten, zum Beispiel zwischen arm und reich oder angesehenen und weniger angesehenen Berufsgruppen, verringerten. Unter Hunger und Durst würden alle Menschen gleichermaßen leiden. Abends äßen alle zur gleichen Zeit. Und da es eine Pflicht sei, Bedürftige zu unterstützen, säßen die unterschiedlichsten Menschen an einer Tafel, die sich sonst nicht begegnen würden.

 


Beitrag von Sabina aus dem JIZ
Bildnachweise: Social Distancing © Gerd Altmann auf Pixabay; Meditieren am Meer © Dimitris Vetsikas auf Pixabay; Illustration Fasten-Tabus © JIZ Hamburg; Steine im Meer © Angerer/JIZ Hamburg; Ramadan-Laterne © Ahmed Sabry auf Pixabay; orientalischer Tee und Datteln © Amna Sayeed auf Pixabay

 

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